Die „Vergangenheitsbewältigung“ hat sich von einem moralischen Projekt zur politischen Routine entstellt. Kurze Beispiele verdeutlichen schnell, wie sich das Thema in den westdeutschen Alltag eingeschlichen hat. Dort hat es groteske Formen angenommen. Die Abkürzung „VB“ steht für eine inflationär gebrauchte Chiffre, die ihren historischen Gehalt längst verloren hat und als Waffe im kulturellen und politischen Meinungskampf dient. Die „Vergangenheitsbewältigung“ bewältigt nicht die Vergangenheit, sie erhält sie omnipräsent am Leben.
Ein paar Beispiele aus den 1980ern: Ein Schulkind malt ein Hakenkreuz auf ein Osterei, weil es die Mutter im Affekt als „Sonnenrad“ verharmlost hatte. Der Fall endet diskret, aber exemplarisch: Die gesellschaftliche Atmosphäre erzeugt eine Überempfindlichkeit, die zwischen Unschuld und Schuld nicht mehr unterscheidet. Ein ungarischer Taxifahrer nutzt „Heil Hitler!“ als Fluch im Straßenverkehr – ein aufgeladenes Symbol wird zur simplen Beschimpfung, entkoppelt von Bedeutung und Geschichte. Im dritten Beispiel verbietet der Bürgermeister von Trier bestimmte Autokennzeichen-Kombinationen – nicht wegen tatsächlicher Vorfälle, sondern aus Furcht vor möglichen Assoziationen. Die bürokratische Konsequenz rückt in den Vordergrund, nicht mehr das historische Verständnis. In Hannover entsteht mediale Empörung über Fahrscheinstempel mit den Kürzeln „SS“ und „KZ“. Ein parteipolitisches Kalkül scheint diese Aufregung zu steuern und ihren Blick zu lenken. Die Rationalität tritt zurück hinter Symbolpolitik und einem ritualisierten Schuldbekenntnis. Schließlich eskaliert sogar eine Sparkassenfeier zum 150-jährigen Bestehen durch die Erinnerung an einen historischen Zusammenschluss während der NS-Zeit – ein banales Jubiläum wird zum Auslöser antifaschistischer Gedenkpolitik.
Längst wurde die ritualisierte Bewältigung zur Ersatzhandlung für politisches Denken. Sie kippt allzu oft ins Absurde.
Die Perspektive, aus der Armin Mohler, der Autor des Buches zu diesem Blitz, die Problematik der Vergangenheitsbewältigung betrachtet, ist autobiografisch gefärbt und analytisch präzise. Im Zentrum steht die Entwicklung eines persönlichen, aber beispielhaften Blicks auf das Dritte Reich. Diese Sicht entstand aus der direkten Konfrontation mit der historischen Realität des Nationalsozialismus, erlebt als junger Schweizer in Deutschland. So begegnete Mohler einmal in Basel dem deutschen Pastor Martin Niemöller. Dessen rhetorisch gesteigerte Schuldbekenntnisse dienten als Fanal für eine neue, moralisch aufgeladene Sicht auf die deutsche Geschichte. Hierbei wurde deutlich: Die Selbstanklage hatte damit einen Rang als neue soziale Währung erreicht. Die westdeutsche Intelligenzija begann sich zunehmend über ihre Distanz zum NS-Regime zu definieren – weniger durch Fakten als durch die rituelle Unterwerfung unter eine Gruselgeschichte.
Seine Ankunft in Berlin zur Zeit des Krieges erlebte Mohler als Schock: Die Kluft zwischen den grauen, tristen, aber funktionierenden Alltagsverhältnissen und dem propagierten Glanz der „Volksgemeinschaft“ öffnet einen ersten Riss im Bild des Regimes. Mohler beobachtete einen rätselhaften Gleichmut der Bevölkerung – keine offene Zustimmung, aber auch keine sichtbare Ablehnung. Stattdessen dominierte Anpassung und das öffentliche Gefühl, Teil eines geschlossenen Systems zu sein. Die Ausweglosigkeit und die Unmöglichkeit moralischer Positionierung prägen Mohlers frühe Eindrücke.
Die Loyalitäten innerhalb der Bevölkerung des Dritten Reiches verliefen nicht entlang ideologischer Überzeugungen, sondern entlang von Gewohnheiten, sozialen Rollen und institutionellen Mechanismen. Besonders deutlich wurde dies in Partei, Verwaltung und alltäglichem Überleben. Der scheinbare Konsens, den jeder vor sich her trug, basierte nicht auf Überzeugung, sondern auf Routine, Bequemlichkeit und dem Wunsch nach Ordnung.
Vor diesem Hintergrund können die pauschalen Schuldzuschreibungen der Nachkriegszeit eigentlich nur irritieren. Das komplexe, widersprüchliche Gefüge des NS-Staats weicht in der Rückschau einem simplifizierten Schwarz-Weiß-Schema. Mohlers eigene Distanz – als gebürtiger Schweizer mit Außensicht – erlaubt eine differenziertere Einordnung. Der Begriff der „autoritären Anarchie“ dient dazu als Schlüssel: Das Dritte Reich erscheint als System, das zugleich Disziplin und Unordnung kultivierte; das Kontrolle und Chaos kombinierte.
Nur wer die Komplexität des Erlebten ernst nimmt, kann die Verzerrungen der ritualisierten Bewältigung erkennen. Der Rückblick ist kein Rückzug, sondern eine notwendige Klärung der inneren Ausgangslage. Jeder, der ein einfaches und überdeutliches Bild des NS-Staates zeichnet, liegt schlicht falsch.