Innerhalb der letzten 70 Jahre haben fast durchgehend linksliberale Kräfte politische Siege erlangt. Dies mag für heutige Linke abwegig klingen, waren doch explizit linke oder grüne Parteien seltener an der Macht als solche, die seit jeher als konservativ gelten. Dass etwa die britische Conservative Party und die amerikanischen Republikaner überhaupt als „konservativ“ durchgehen, ist unserem modernen Politikverständnis geschuldet. Lediglich innerhalb des liberalen Politikbegriffes, beziehungsweise innerhalb eines liberalen Zeitgeists können diese Parteien als konservativ oder politisch „rechts“ bezeichnet werden. Es herrscht kein unüberwindlicher Dissens zwischen heutigen Linken und Konservativen, beide sind im Grunde liberal. Ihre Politik unterscheidet sich lediglich im Grad ihrer Intensität. Die Konservativen mögen die „Liberalisierung“ eines Landes verlangsamen, zum Teil gar verzögern; an der generellen politischen Richtung ändern sie jedoch nichts.
Konservative berufen sich nicht selten auf Haltungen, die vor dreißig oder vierzig Jahren noch als progressiv galten. Zeitversetzt übernehmen sie Positionen ihrer vermeintlichen Rivalen. So gesehen ist das Konservative ein relatives politisches Konzept ohne eigenen inhaltlichen Anker. Dies geht einher mit dem Hang vieler „Volksparteien“, der vermeintlichen „Mitte“ nach dem Mund zu reden. In Europa haben solche Parteien sehr lange die Regierungen gestellt. Ihre Themen und Zielsetzungen sind jedoch nie von Dauer. Anstelle von Standfestigkeit sind sie von Opportunismus geprägt. Konservative sind ängstlich. Den schleichenden Verfall aller Werte wollen sie nicht erkennen. Bestenfalls werden Symptome bekämpft. Ihre Politik ist angepasst moderat. Am Ende sind sie von der Angst gelähmt. So können sich die Liberalen als Neuerer präsentieren. Dies sind einige der Gründe, warum der moderne Konservatismus immer verliert.
In dieser Hinsicht ist es wichtig, zwischen Konservatismus und Traditionalismus zu unterscheiden. Heutige Konservative verteidigen nichts kulturell Tradiertes, sondern tradiert Liberales. Traditionalisten wollen das Etikett „konservativ“ nicht. Tradition schafft Eintracht und beruht auf ihr. Was historisch bereits verbindend gewirkt hat, kann auch hier als Inspiration dienen. Traditionen sind häufig regional und von den Umständen ihrer Zeit geprägt. Sie wieder aufleben zu lassen, heißt somit nicht, alles so wie früher zu machen. Am Ende geht es darum, als Volks- und Kulturgemeinschaft zusammenzukommen. Traditionalismus stärkt Identität. Eine starke Identität entsteht nicht im Unterschied zum Fremden, sondern im Bekenntnis zu sich selbst. Um selbstbestimmt zu leben, müssen wir bestimmen, wer wir sind.