Hinter der Migrationspolitik verbirgt sich ein antieuropäisches Narrativ. Emotionalität und Hypermoral verdrängen alle rationalen Überlegungen. Der Fall des im Mittelmeer ertrunkenen syrischen Jungen Aylan Kurdi ging durch alle Medien. Die Reaktionen darauf verdeutlichen, wie in der Flüchtlingskrise ab 2015 alle Fakten verloren gingen. So etwa die Tatsache, dass die Kurdi-Familie bereits die sichere Türkei passiert hatte und den Seeweg über das Mittelmeer daher ohne direkte Not gewählt hat.
In Europa verbreiten sich Gefühle von Schuld und Selbstanklage. Obwohl sie nicht die Schuld am syrischen Bürgerkrieg oder sonstigen humanitären Katastrophen tragen, scheinen Europäer sich in besonderem Maße für Migranten verantwortlich zu fühlen. Derweil wird den arabischen Staaten, die unmittelbar in den syrischen Bürgerkrieg involviert sind, aber keinen einzigen Flüchtling aufnahmen, nicht die Schuld am Sterben im Mittelmeer gegeben.
Die europäische Besessenheit von der eigenen Schuld lässt sich mit ihrer fehlgeleiteten Vergangenheitsbewältigung erklären. Europäer haben ein Gefühl der Erbsünde internalisiert, weshalb sich die heutigen Generationen noch immer für die Taten ihrer Vorfahren verantwortlich fühlen. Die historische Schuld am Holocaust, dem Zweiten Weltkrieg sowie Kolonialismus und Rassismus zeichnen ein verzerrtes Negativbild der europäischen Geschichte. Obwohl heute lebende Europäer nichts dergleichen begangen haben, führt die Fokussierung auf historische Schuld zur Scham für die eigene Abstammung, die bis hin zu masochistischem Selbsthass auf die eigene Kultur reicht.
2015 wurden deshalb im medialen Diskurs abstruse Parallelen zwischen der Flüchtlingskrise und den Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs gezogen. Besonders Deutsche nahmen die Öffnung der Grenzen durch Kanzlerin Merkel und die eingeforderte Willkommenskultur als eine Chance zur Schuldbegleichung Deutschlands wahr. Das Schuldnarrativ hält sich unter Europäern hartnäckig, da es eine moralische Selbstüberhöhung ermöglicht. Um von Schuldträgern zu Rettern der Menschlichkeit werden zu können, haben zahlreiche Deutsche die ankommenden Migranten nicht nur willkommen geheißen, sondern regelrecht gefeiert. Obwohl es offensichtlich ein hinkender Vergleich ist, die Opfer des Zweiten Weltkrieges mit illegalen Wirtschaftsmigranten gleichzusetzen, stand fortan jeder, der nicht für eine uneingeschränkte Aufnahme war, unter dem Verdacht, sich mit Nationalsozialisten gemein zu machen.
Die Wahrnehmung einer singulären historischen Schuld weißer Europäer macht sich in der ganzen westlichen Welt breit. Je schlimmer ein historisches Ereignis dabei dargestellt wird, umso besser lässt sich die Empörung darüber politisch nutzbar machen. Das führt tendenziell dazu, dass die europäische Vergangenheit in übertriebenem Maße negativ bewertet wird. Fremde Kulturen werden gleichzeitig romantisiert und ausschließlich nach ihren besten Eigenschaften bewertet. Das Gefühl der ewigen Schuld und eigenen Wertlosigkeit gräbt sich tief in die Selbstwahrnehmung der europäischen Völker ein und verwandelt patriotisches Selbstvertrauen in Scham.
Die Generalisierung von historischer Schuld auf alle Angehörigen einer bestimmten Abstammung wird ausschließlich im Falle der Europäer für akzeptabel erklärt. In Bezug auf andere Personengruppen wird dagegen jede Verallgemeinerung zurückgewiesen.
Die sogenannte „Das Imperium schlägt zurück“-Theorie fordert die Europäer auf, alle Konsequenzen der Masseneinwanderung als Sühneleistung für den Kolonialismus zu tragen. Das Schuldnarrativ fördert und belohnt masochistische Tendenzen als Demonstration vermeintlicher moralischer Überlegenheit.