Die Regeln im Chaos-Spiel des britischen Mathematikers Michael Barnsley sind simpel: Innerhalb der Eckpunkte eines beliebigen Dreiecks zeichnen Sie irgendwo einen vierten Punkt, halbieren von diesem ausgehend die Strecke zu einem der drei Eckpunkte und markieren dort einen neuen Punkt 5. Von diesem halbieren Sie wieder die Strecke zu einem beliebigen Eckpunkt, zeichnen dort einen neuen Punkt 6 und so weiter. Nach eigen hundert Wiederholungen erscheint aus dem Wirrwarr der Punkte ein sogenanntes Sierpinski-Dreieck, das Paradebeispiel für eine exakt selbstähnliche Geometrie.
Wenn nun eine Gruppe von Zeichnern diese Regeln befolgt und einer nach dem anderen seinen Punkt aufs Papier setzt, sieht es für einen Beobachter so aus, als ob alle wüssten, wie die Figur am Ende aussehen soll; als ob sie in einen geheimen Bauplan eingeweiht wären.
Analog ist es für viele verlockend, hinter dem Phänomen der Massenbildung eine Verschwörung zu vermuten. Da die Individuen in der Masse aber von denselben Ideen, Überzeugungen und Ideologien geleitet sind, erwecken sie den Eindruck, als würden sie nach einem Skript handeln.
Verschwörungsdenken möchte das Weltgeschehen auf eine einfache Formel reduzieren. Es erfüllt im Grunde den gleichen Zweck wie die Massenbildung: einen Feind klar zu benennen, Aggression und Wut zu fokussieren. Werden heute okkulte Eliten als die Schuldigen benannt, waren es früher die Zionisten, die Freimaurer oder die Jesuiten.
„Wenn ich jemandem sagen muss, was er zu tun hat, habe ich den Falschen ausgewählt“, polemisiert Noam Chomsky. Es ist die herrschende Ideologie, die das Denken der Akteure bestimmt, und nicht ein böser Puppenspieler im Hintergrund. Charaktere, die den herrschenden Diskurs verinnerlicht haben, erhalten die einflussreichen Positionen in Politik, Medien und Wissenschaft. Wenn wir den Zustand unserer Gesellschaft ändern wollen, müssen wir das mechanistische Weltbild überwinden.