Jenseits der reinen Vernunft

Dauer: 01:46

Ein Kind erkennt mit etwa dreieinhalb Jahren, dass Wörter keine endgültige Bedeutung haben, sondern je nach Zusammenhang unterschiedlich interpretiert werden müssen. Hält es krampfhaft an dem Versuch fest, eine letztgültige Erklärung finden zu wollen, so verstrickt es sich in narzisstischen Ängsten. Entdeckt es jedoch die Freude, mit Sprache kreativ zu werden, kann es Angst und Unsicherheit überwinden und seine eigene Persönlichkeit entwickeln.

Wir stehen als Gesellschaft an genau jener Schwelle: Bleiben wir zwanghaft im engen Korsett einer mechanistischen Ratio stecken, oder befreien wir unser Denken und unseren Blick für die Lebendigkeit der Welt? Richten wir unser Streben weiter danach, alles erklären und kontrollieren zu wollen? Oder erkennen wir demütig, wie die großen Philosophen und Wissenschaftler, dass das Universum in all seinen kreativen Äußerungen ein Geheimnis wahrt, das sich nur dem einfühlenden Herzen offenbart?

Die Aufklärung als letzte große Erzählung unserer Zivilisation, muss überwunden werden, da wir die ihr innewohnende totalitäre Tendenz erkannt haben. Die Revolution, vor der wir stehen, wird bestimmt werden von der Wertschätzung der Rede, die Michel Foucault als Wahrsprechen, als „parrhesia“, bezeichnet hat. Denn Wahrsprechen hat die Kraft, den herrschenden Diskurs einer Gesellschaft zu durchbrechen.

Um mit Hegel zu schließen: „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.“