Messergebnisse geben objektiv und neutral Aufschluss über die Wirklichkeit. Nackte Zahlen befreien uns von Aberglauben und Mystizismus und Entscheidungen treffen am besten die Experten. So lauten die Erzählungen der mechanistischen Weltanschauung. In jeder Hinsicht war die Coronakrise die Bewährungsprobe, die Unfehlbarkeit von Zahlen unter Beweis zu stellen und politische Entscheidungen dem Kalkül der Wissenschaft zu unterwerfen.
Im medialen Dauerfeuer präsentierten Experten Exponentialkurven, belehrten uns über Inzidenzen, Test-Positive und die Zahl der Intensivbetten. Allein zu eindeutigen und realistischen Schlussfolgerungen gelangte die Expertenwelt nicht. Vor den Augen der Öffentlichkeit widersprachen und stritten sich die Fachleute, es unterliefen ihnen peinliche Rechenfehler und sie änderten ihre Meinung im Wochentakt. Denn Zahlen bilden keine objektive Wahrheit ab. Ihre Interpretation unterliegt immer der subjektiven Haltung des Betrachters.
Das Simpson-Paradoxon liefert dafür ein anschauliches Beispiel. In Florida erfasste man die Zahl der wegen Mordes verhängten Todesstrafen, sortiert nach schwarzen und weißen Tätern. Scheinbar eindeutig zeigte sich, dass mehr Weiße als Schwarze zum Tode verurteilt wurden. Dann erweiterte man die Statistik um die Hautfarbe der Opfer und das Ergebnis war plötzlich umgekehrt. Mehr Schwarze, die einen Weißen ermordet hatten, erhielten die Todesstrafe als Weiße, deren Opfer ein Schwarzer war. Unter Einbeziehung weiterer Parameter würde sich das Ergebnis weiter verändern.
Bei der Deutung von Zahlen spielt die persönliche Erwartung des Wissenschaftlers eine wesentliche Rolle. Forscher wählen nicht nur bevorzugt Messinstrumente aus, die am ehesten die Ergebnisse liefern, die sie sich wünschen, sondern interpretieren Resultate auch entsprechend ihrer vorgefassten Meinung. In seiner übersteigerten Form hat dieser Allegiance-Effekt zur Folge, dass sich Vorurteile und Untersuchungsergebnisse wechselseitig bestätigen und verstärken.