Lebendigkeit oder Kontrolle

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Zwei Pendel, die an der gleichen Halterung befestigt sind und sich anfangs in einem ungleichen Rhythmus bewegen, schwingen nach etwa einer halben Stunde im Gleichtakt. Früher führte man dieses Phänomen auf geringfügige Abweichungen beim Luft- oder Reibungswiderstand zurück. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand man heraus, dass diese Angleichung nicht zufällig geschieht, sondern einem kreativen Muster folgt, das allen lebendigen Systemen zu eigen ist.

Für den frühkindlichen Spracherwerb ist die körperliche Anwesenheit einer Bezugsperson, im Idealfall der leiblichen Mutter, von vitaler Bedeutung. Schon das Weinen des Säuglings ahmt in Melodie und Rhythmus die Eigenheiten der Muttersprache nach. Das kleine Wesen beobachtet beim Stillen ganz gebannt die Mimik der Mutter, imitiert sie und bildet mit ihr eine Schwingungs- und Gefühlseinheit. Später kommen weitere Resonanzmuster hinzu, aus denen unsere Zellen ein individuelles Körpergedächtnis bilden.

Auch Erwachsene spiegeln während eines Gesprächs die Mimik des Gegenübers und reagieren erstaunlich rasch auf jede kleinste Änderung des Gesprächspartners. Bei digitalen Interaktionen ist diese unmittelbare Resonanz nicht möglich, wir ermüden rascher und fühlen uns seltsam vom anderen getrennt.

Dennoch verfällt unsere Gesellschaft zusehends den Verlockungen der digitalen Technologie. Sie verheißt uns ein Leben ohne Mühsal, wenn wir in naher Zukunft das Geheimnis des Lebens endlich vollständig entschlüsseln werden. Sogar der Tod soll durch die Verschmelzung von Mensch und Maschine überwunden werden können.

Hannah Arendt entlarvte diesen naiven Glauben an eine Wissenschaft, die eine ideale Menschheit hervorbringen könne, als die Grundströmung des Totalitarismus. Dieser ist die logische Konsequenz eines Denkens, das die Wissenschaft zum Götzen erhoben hat.