Zweifel und Unsicherheit gehören zur Erfahrungswelt des Menschen. Unser wichtigstes Zeichensystem, die Sprache, ist voller Mehrdeutigkeiten. Ein dauernder Subtext innerer Fragen begleitet uns: Hat mich der andere verstanden? Was will er mir sagen?
Schon das Neugeborene zeigt in seiner Mimik Neugier, ein Wissen-Wollen, wer es in der Welt ist. Mit etwa 8 Monaten erkennt es sich freudig zum ersten Mal im Spiegel. „Ich bin es für die anderen“ ist eine so großartige Erkenntnis für das kleine Wesen, dass manche später noch versuchen, dieses Gefühl immer neu zu erleben. Narzissten überspielen ihre innere Unsicherheit, indem sie so perfekt wie ihr Spiegelbild sein wollen. Ständig wollen sie andere übertreffen oder erniedrigen, um ihrem falschen Selbst zu entsprechen. Narzissten verlieren das Vermögen, sich in andere oder ihre Umwelt einzufühlen. So werden sie zu isolierten, vereinzelten Subjekten.
Die zweite Scheinlösung, der existentiellen Angst und Unsicherheit zu begegnen, ist exzessiver Regeldrang. Netflix schreibt seinen Mitarbeitern vor, dass der Augenkontakt zwischen ihnen maximal fünf Sekunden dauern darf, weil es sonst Belästigung sei. Das Beispiel zeigt, wie absurd es ist, jede Kleinigkeit regulieren zu wollen.
Wenn weder narzisstischer Perfektionismus noch überschießender Regeldrang eine Erlösung aus Angst und Unsicherheit bieten, was dann? Ein Kind erkennt am Ende der Warum?-Phase, dass es keine letzte Antwort gibt und dass die Eltern nicht allwissend sind. Es gibt sein verkrampftes Nachfragen auf und beginnt kreativ seine Individualität und Persönlichkeit zu entfalten. Auf die größere Ebene übertragen, müssen wir als Gesellschaft aus der Warum?-Phase herauswachsen. Orientierung geben uns dabei nicht Regeln und Zahlen, sondern feste Prinzipien, wie wir sie in Mythen und Geschichten finden.