Die Geister, die wir riefen

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Die Wissenschaften ermöglichten eine rasante technologische Entwicklung und haben unsere Gesellschaft tiefgreifend verändert. Industrialisierung und Massenproduktion rissen die Menschen aus ihren traditionellen Strukturen, die ihnen seit jeher Sicherheit geboten hatten. Ein Gefühl existenzieller Angst breitete sich aus. Die Menschen wurden anfälliger für mediale Manipulation und so zum Subjekt totalitärer Tendenzen.

Die kapitalistische Prophezeiung, dass wir am Ende des 20. Jahrhunderts nur mehr 15 Stunden pro Woche arbeiten würden, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil leisten wir heutzutage mehr Arbeitsstunden als jemals zuvor. In sinnentleerten „Bullshit-Jobs“ verdient man ironischerweise oft mehr als in unmittelbar sinnstiftenden handwerklichen oder sozialen Berufen. Gleichzeitig erreicht die Anzahl an Fällen von „Burn-Out“ besorgniserregende Höhen. Das sind Symptome eines überbordenden Regulations- und Kontrolldranges.

Die Versprechungen, die man sich vom technologischen Fortschritt machte, haben sich nur teilweise erfüllt. Und das zum Preis ihrer zerstörerischen Wirkung auf die individuelle Psyche wie auf die Gesellschaft insgesamt.

Der starre Glaube an die Unfehlbarkeit von Messergebnissen hat uns in eine Sackgasse manövriert. Insbesondere auf dem Gebiet der Medizin häufen sich Skandale, die unermessliches Leid verursachen. Man denke etwa an die Contergan- und DES-Affären, oder die Opioid-Krise in den USA. Noch verheerendere Auswirkungen zeitigt die Verquickung von Industrialisierung und Mechanisierung in Kriegen. Durch den Einsatz des Entlaubungsmittels „Agent Orange“ im Vietnamkrieg erkrankten Millionen von Soldaten schwer, mindestens 150 000 vietnamesische Kinder kamen mit Fehlbildungen zur Welt.

Der Mensch, in seiner Absicht die Welt zu verstehen, zu beherrschen und zu unterwerfen, hat wie Goethes Zauberlehrling Kräfte entfesselt, denen er kaum Herr wird.