Ideologisierte Führer

Dauer: 01:45

Anders als ein Hypnotiseur, der bei Bewusstsein bleibt, ist der Lenker der Massen auch der Suggestion verfallen. In der Spiegelung eines enthusiastischen Publikums verstärkt sich der Effekt zusehends. Zu meinen, dass die Führer der Masse bloß von Geldsucht oder anderen egoistischen Motiven getrieben seien, greift zu kurz. Um das Narrativ authentisch zu erzählen, müssen sie davon zutiefst überzeugt sein.

Um das große Ziel zu erreichen, seien es die kommunistische Herrschaftslosigkeit oder eine virenfreie Welt, ist letztlich jedes Mittel recht. Man bedient sich mit Vorliebe der Zahlen und Statistiken, um die Masse auf ein Ziel einzuschwören. Vollstrecker des ideologischen Ideals sind danach gehorsame Funktionäre, die Schritt für Schritt unter Missachtung jeglicher ethischen Schranke auf das Endziel zusteuern.

Dabei braucht es immer neue Objekte, die die Angst der Masse auf hohem Niveau halten. Hat ein Diktator die Macht erlangt, kann er die Zügel lockerer lassen, nicht jedoch ein totalitärer Herrscher. Er folgt dem Wahnsinn seiner Ideologie bis zum Äußersten. Dem Totalitarismus wohnt von Anfang an der Keim der Selbstzerstörung inne. Alexander Solschenizyn beschreibt in Archipel Gulag, wie in den stalinistischen Säuberungswellen immer neue Bevölkerungsgruppen ausgelöscht wurden. Zuerst richtete man die Vertreter der Bourgeoise hin; dann Offiziere, die aus dem Ausland zurückkehrten; dann jene, die mit Religion in Verbindung standen; dann Juweliere, Uhrmacher und Zahnärzte, weil sie mit Gold zu tun hatten; dann wohlhabende Bauern und schließlich überhaupt alle Bauern. Der Totalitarismus ist das Monster, das seine eigenen Kinder verschlingt.